Die Anatomie des Locationgates

Die Anatomie des Locationgates

Was war das Geschrei groß! Apple zeichnet Bewegungsprofile auf. Ein Skandal! Das diese ganze Geschichte rein journalistisch gesehen ein Desaster war und vollkommen unnötig aufgebauscht wurde, ist allerdings nur eine Sache. Wie Apple mit dem Locationgate  umgegangen ist, mag man an dieser Stelle auch eher als suboptimal bezeichnen. Erst kam keine Reaktion, dann ein recht fragwürdiges Statement und nun (oh Wunder) ein neues iOS.

Der Skandal war perfekt! Wo Apple eh schon ständig als Datenkrake im Fokus von Usern und Behörden steht und gerne auch mit Google in einem Atemzug genannt wird, kam die Meldung, dass alle iOS-Devices mit 3G ein Bewegungsprofil aufzeichnen, gerade recht. Endlich konnte man dieser Industriemacht mal wieder kräftig ans Bein pinkeln! Zwei technikaffine Burschen haben herausgefunden, dass das iPhone und das iPad WiFi+3G eine kleine Datenbank mit Positionsdaten füllt. Diese „consolidated.db“ wird dann beim Syncronisieren mit iTunes auf dem heimischen Rechner unverschlüsselt abgelegt. Mit einer kleinen App für den Mac kann man dieses Profil auslesen. Bis zu einem halben Jahr geht diese Datenbank zurück. Was war weiterhin festzustellen?

  • Pete Warden und Alasdair Allan, die das Locationgate entdeckt haben, fanden keinerlei Hinweise darauf, dass diese Datenbank in irgendeiner Art und Weise den Computer verlässt. Somit sollte Apple nichts von diesen Daten haben.
  • Wer sich die Daten anschaut, wird auch feststellen, dass von einer wirklich exakten Positionierung keine Rede sein kann. Die Daten sind sehr ungenau, schwanken im Normalfall zwischen 500m bis 1km. Der eine oder andere wird sich vielleicht auch wundern, dass er angeblich in Spanien, den USA oder in irgendeinem anderen Land der Erde gewesen sein soll (geschuldet durch WLAN-Router, die vielleicht mal in einem anderen Land standen und dort in einer WLAN-Datenbank gelandet sind). Das zeigt, wie unzuverlässig diese Datensätze sind.

Was kann man Apple nun ankreiden? Nun, als erstes wäre vielleicht zu nennen, dass „uns“ niemand Bescheid gesagt hat. Wenn immer mal ein Tröpchen nach dem anderen herauskommt, macht sich ein Unternehmen irgendwann unglaubwürdig und umgarnt sich mit unendlich vielen Mythen. Hätte Apple also von Anfang an gesagt, dass die Geräte ein Bewegungsprofil aufzeichnen, wäre solch eine große Diskussion gar nicht erst entstanden. Wahrscheinlich wäre es sogar für (fast) alle vollkommen in Ordnung gewesen, wenn diese Datenbank in regelmäßigen Abständen nach Cupertino geschickt worden wäre, wenn jeder gewusst hätte, WELCHE Informationen es gewesen wären, und WOZU das ganze gut ist. Aber jemanden auf frischer Tat zu ertappen, das tut einem Unternehmensimage nicht sonderlich gut.

Und wenn man dann schon erwischt wird, sollte man doch wenigstens zeitnah reagieren, oder? Nicht so Apple. Lange musten wir auf ein Statement warten. Auch als sich die amerikanischen Behörden einschalteten, ließ man lange auf sich warten. Bis dann recht zögerlich, auf Anfrage eines Mitarbeiters von 9to5mac, folgende Meldung von Steve kam – kurz und knapp wie immer:

Q: Steve,

Could you please explain the necessity of the passive location-tracking tool embedded in my iPhone? It’s kind of unnerving knowing that my exact location is being recorded at all times. Maybe you could shed some light on this for me before I switch to a Droid. They don’t track me.

A: Oh yes they do. We don’t track anyone. The info circulating around is false.

Sent from my iPhone

„Wir verfolgen niemanden“. Damit war eigentlich alles gesagt. Und im Grunde genommen war diese kurze Antwort der Faustschlag auf den Tisch. Ja, welches Interesse könnte Apple haben, zu loggen, dass sich Mr. XY an dem Tag, zu dieser Uhrzeit an dem und dem Ort befunden hat? Richtig, gar keins. Und damit ist dieser ganze Trubel vollkommen absurd. Dennoch wollte man Antworten, die dann auch in Form einer Pressemitteilung kam. Und diese hielt einige Überraschungen bereit:

  1. Die iOS-Devices loggen keine Locationdaten mit, sondern es werden nur WiFi-Hotspots und Mobilfunkmasten gecacht. Sinn dieser Übung: noch schneller, noch besser und noch genauer lokalisieren zu können, wenn das von eigenen oder fremden Apps gefordert wird (was ja teilweise schon jede kleine Foto-App tut).
  2. Das die Datensätze so weit zurückgehen, und dass die Daten auch dann gecacht werden, wenn man die Ortungsdienste ausgeschaltet hat – dass erklärt Apple mit einem Bug. Nun ja, Bug hin oder her, dieser hat Apple durchaus einen Mehrwert gebracht. Das mag man so hinnehmen, oder nicht. Ein nicht wirklich zufriedenstellende Antwort.
  3. Man verspricht, den erwähnten Programmfehler in der nächsten Version des iOS zu beheben.
  4. Die spannendste Sache kam allerdings auch in der Pressemitteilung vor: mittelfristig sollen die anonymisierten Daten dazu dienen, eine Datenbank aufzubauen, die Informationen über den Straßenverkehr aufzeigt. Schlußendlich kommen uns diese Daten also wieder zugute, wenn Apple mit einer eigenen Navigationssoftware auf den Markt kommt. Irgendwann… Vielleicht… Das gleiche tut auch Google, und auf gleicher Basis tut dies auch TomTom.

Gestern ist das Update von iOS gekommen. Sehr viel schneller als erwartet. Und alles wurde so umgesetzt, wie in der Pressemitteilung  versprochen. Der Cache-Zeitraum ist sehr viel kürzer geworden und die Datenbank wird auch nicht mehr mit iTunes syncronisiert. Außerdem wird der Cache komplett geleert, sobald die Ortungsdienste in den Systemeinstellungen ausgeschaltet werden.

Ende gut, alles gut? Noch nicht ganz. In fünf Tagen, also am 10. Mai, wird es eine Anhörung geben. Die Staatsanwaltschaft hat Apple vorgeladen, um eine Befragung zum Location-Tracking zu tätigen. Dabei geht es nicht darum, ob man solche Daten überhaupt erheben darf, sondern eher um die Informationspolitik – inwieweit der User von derartigen Aktionen unterrichtet wird. Und bevor der eine oder andere Android-User schelmisch anfängt, zu lachen – ja, Google ist ebenfalls eingeladen. Die Android-Devices machen nämlich genau das gleiche, auch sie zeichnen ein Bewgungsprofil auf. Noch gar nicht gewusst?

Fazit: Die Anatomie dieses zweiten Apple-Gates (da gab’s ja noch das Antennagate) zeigt eines ganz deutlich. Kaum ein anderes Unternehmen steht anscheinend so sehr im Fokus der Presse, der User und der Regierungen. In der ersten Reihe mitzuspielen ist für Jobs also keine einfache Aufgabe, wenn man jeden Schritt dreimal überdenken muss, weil man davon ausgehen kann, dass sich alle mit viel Freude und Schadenfreude darauf stürzen werden. Jeder User möchte so viel Komfort und Funktionen nutzen können. Doch es gibt leider auch viele, die anscheinend nicht einmal dazu bereit sind, anonymisiert mit seinen Daten etwas zu diesen Diensten beizutragen. Aus meiner Sicht ein etwas egozentrisches Verhalten.

Was die Sache allerdings auch gezeigt hat ist, dass Apple langsam aber sicher seine Informationspolitik ändern sollte. Es ist immer besser, im Voraus Dinge klarzustellen, als diese nach und nach von findigen Usern aufgedeckt und serviert zu bekommen. Vertrauen zu einem Unternehmen, dem man enorm viel seiner Privatsphäre preis gibt, kann man nur dadurch aufbauen, wenn man weiß, was hinten dessen Mauern vor sich geht. Je transparenter es wird, desto größer wird die Vertrauensbasis. Wir wissen alle, dass Apple keinen Unfug mit unseren Daten veranstaltet, aber vielen Menschen geht es einfach ums Prinzip. Und da dieser scheinbar recht viele sind, sollte im Hause Apple langsam mal ein Umdenken Einzug halten.